Wenn Fürsorge zerbricht und Töchter das Patriarchat herausfordern
Was geschieht, wenn eine Mutter nicht mehr kann – und nicht mehr will? In „Die Wut, die bleibt“, nach dem gleichnamigen Bestseller von Mareike Fallwickl, wird diese Frage zum Ausgangspunkt eines schonungslosen Theaterabends. Die Badische Landesbühne bringt eine eigene Theaterfassung des Romans auf die Bühne des Bahnhof Fischbach – intensiv, aufrüttelnd und erschreckend aktuell.
Helene, Mutter von drei Kindern, steht beim Abendessen auf, tritt auf den Balkon – und springt. Ohne Vorwarnung, ohne Abschied. Mit einem Schlag bricht das fragile Gefüge der Familie auseinander. Was sie zusammenhielt – Liebe, Fürsorge, emotionale Arbeit – war unsichtbar und selbstverständlich. Erst ihr Fehlen macht deutlich, wie sehr alles auf ihren Schultern lastete.
Der Vater reagiert pragmatisch: Er sucht eine Ersatzmutter. Sarah, Helenes beste Freundin, rückt in die Lücke. Sie unterstützt die Hinterbliebenen, organisiert den Alltag, stellt das eigene Leben zurück. Wie selbstverständlich wird sie in die Familie integriert – eine Entwicklung, die weniger Trost als neue Spannungen bringt. Denn auch das ist Teil des Systems: dass weibliche Fürsorge als unerschöpfliche Ressource gilt.
Lola, die älteste Tochter, erlebt die Trauer anders. In ihr wächst vor allem ein Gefühl – Wut. Wut auf eine Gesellschaft, die Frauen in Rollen presst, bis sie daran zerbrechen. Wut auf ein Patriarchat, das nicht nur von Männern, sondern auch von Frauen mitgetragen wird. Gemeinsam mit ihrer Freundin Sunny beschließt sie, diese Wut nicht länger zu unterdrücken. Sie wird politisch. Radikal. Unbequem.
Fallwickls Stoff seziert veraltete Rollenbilder mit chirurgischer Präzision. Die Inszenierung macht daraus ein eindringliches Schauspiel über Care-Arbeit, Erwartungsdruck und weibliche Selbstaufgabe. „Die Wut, die bleibt“ ist kein leiser Abend. Es ist ein Weckruf – und eine Kampfansage an Strukturen, die sich zu lange hinter Tradition und Bequemlichkeit versteckt haben.
Johannes Maria Gerlitz ist Veranstaltungsleiter beim Kulturbüro Friedrichshafen.
Badische Landesbühne: Die Wut, die bleibt
Mi 22. und Do 23. April, Bahnhof Fischbach, jeweils 19.30 Uhr
Tickets: Kulturbüro Friedrichshafen, TouristInfo Friedrichshafen,
www.kulturbuero-friedrichshafen.reservix.de
