19. Philosophisch-literarische Salonnacht „Im blauen Sessel“
Haltung – das klingt nach Rückgrat, Klarheit, Charakter. Menschen mit Haltung strahlen Selbstbewusstsein aus und zeigen, wer sie sind und was sie wollen. Haltung scheint das moralische Gütesiegel unserer Zeit zu sein. Doch was bedeutet sie wirklich?
Haltungen entstehen, wenn durch wiederholt ähnliches Tun, durch prägende Erfahrungen unsere Gefühle, Gedanken und Handlungen untrennbar zu relativ festen Gewohnheitsmustern verknüpft werden, die in ähnlichen Situationen aktualisiert werden. Das macht verständlich, weshalb nicht jede Haltung automatisch gut ist. Im Zuge der oft auch unbewusst sich ergebenden Gewohnheitsbildung und Persönlichkeitsentwicklung können sich destruktive Grundhaltungen herausbilden: Überheblichkeit, Zynismus, Neid, Maßlosigkeit oder aggressive Rechthaberei, einst in der westlichen Tradition zu den „Todsünden“ gezählt. Derartige Haltungsverzerrungen entspringen auch dem östlichen Denken zufolge aus Gier, Hass und Verblendung. Ihre konstruktiven tugendhaften Gegenbilder wären z.B.: Demut statt Hochmut, Mitfreude statt Missgunst, Maß statt unbändigem Konsumismus, Gelassenheit statt Zorn, Übernahme von Verantwortung statt Trägheit.
Haltungen sind nicht immer moralischer Natur. Welche Bedeutung Zielstrebigkeit, Durchhaltevermögen, Teamgeist, Mut zum Risiko in jeweils haltungsmäßiger Verkörperung haben, zeigten unlängst die Sportlerinnen und Sportler der olympischen Winterspiele. Und wie steht es mit der Haltung im Umgang mit der eigenen Endlichkeit, Veränderungsbereitschaft, Offenheit? Eine ‚gute‘ Haltung umgreift Festigkeit wie Flexibilität, Rückgrat und Resonanz gleichermaßen und bewährt so ihre Offenheit für notwendige Veränderungen. Gerade in Zeiten autoritärer Versuchungen, gesellschaftlicher Polarisierung und individueller Radikalisierungen wird Haltung politisch. Sie wird ebenso zur Durchhaltekraft gegen ein Abrutschen in bloß funktionales und populistisches Denken wie zum Bollwerk gegen Gleichgültigkeit – angesichts von Klimaignoranz und menschenverachtender Systeme. Vielleicht sind erstrebenswerte Haltungen letztlich die, die das Leben freier Bürgerinnen und Bürger wie der Gesellschaft im Ganzen aufrecht halten und gelingen lassen.
Perspektiven darauf eröffnet das Team vom Blauen Sessel mit Stefan Bollmann, Susanne Gregor, Nadiia Khatymlianska, Christopher Kloeble, Steffen Nowak, Ole Nymoen, Angelika Overath, Christian Uhle, Charlotte Wiedemann.
Ralf Elm ist Mitglied der Bürgerinitiative „Im blauen Sessel“.
Im blauen Sessel
Fr 24. April, Eröffnung: Schwörsaal Ravensburg, 18.45 Uhr
Lesungen in den Salons der Ravensburger Marktstr: 20 & 21.15 Uhr
VVK-Stellen & das komplette Programm: www.imblauensessel.de
