Nachdenklichkeit, Konzentration, Essenz
„Nachts um 3 Uhr in einer Kirche – das ist etwas Einzigartiges: dort ganz alleine spielen, während der Rest der Stadt schläft. Es fühlte sich an, als ob die Musik mir sagt, was ich spielen soll – und ich bin der Passagier …“
So beschreibt Bill Laurance selbst die Aufnahmen seines Solo-Albums „Lumen“. Musik zwischen durchkomponierter Strenge und weit offenen Improvisationen, bei denen sich der „Snarky Puppy“-Pianist durch Raum und Zeit, durch Tag und Nacht treiben ließ. So sind diese Stücke entstanden, so verändern sie sich weiterhin, bei jedem Konzert. Das liebt Bill Laurance: Diese Freiheit, ein Stück heute ganz anders klingen zu lassen als gestern. Er schöpft dabei aus seiner gesamten musikalischen Entwicklung. Aus seiner klassischen Ausbildung, dem Jazz, der Beschäftigung mit Musik aus allen Kontinenten: So entsteht Fusion, die nicht nach Fusion klingt. Klar, dass sich Laurance von allem inspirieren lässt, was er hört und sieht: Bei „Dove“ kommt dem Hörer unweigerlich die Taube in den Sinn, wie sie scheinbar unbeholfen in der Fußgängerzone herumwackelt.
Bill Laurance ist nicht nur Keyboarder bei Snarky Puppy, er spielt in verschiedenen Projekten wie dem Duo mit Michael League – der ihn freilich einst zu Snarky Puppy brachte. Oder im Laufe seiner Karriere mit Morcheeba, Chris Potter oder Lionel Loueke, mit David Crosby, Salif Keita oder Terence Blanchard. Ihn interessiert alles, was Tasten hat: Diverse Synthesizer auch aus den Anfangstagen der elektronischen Musik – und was man damit machen kann. Dann wieder die andere Seite, die ursprüngliche, die, womit alles begann: Ein Klavier, lieber ein Flügel. Sonst nichts. Solo spielen hat Laurance immer schon gereizt, neben allem wilden Getöse braucht er auch immer wieder die Ruhe, die die 88 Tasten ausstrahlen. Darum auch Solo-Konzerte und Solo-Aufnahmen. „Lumen“ ist beileibe nicht sein erstes Solo-Album, aber nun hat er keine Synthesizer, Loops oder Drum-Computer mehr am Start, sondern nur sich, einen Flügel und ein Klavier mit Filzklöppeln. Das sorgt für eine gewisse Simplizität, im besten Sinn des Wortes. Schwelgerische Melodien, eher zarte Grooves und viel Luft – Hans-Jürgen Schaal hörte in Jazzthing „quasi die Stille um ihn herum. Die Nachdenklichkeit, die Konzentration, die Essenz.“
Tim Jonathan Kleinecke gehört zum Aktiv-Team von Jazztime Ravensburg e.V.
Bill Laurance „Lumen“
So 10. Mai, Zehntscheuer Ravensburg, 19 Uhr
