„Dracula“ als Live-Hörspiel im Bahnhof Fischbach
Wenn Fledermäuse über den Köpfen flattern, Türen im Dunkeln ächzen und kalter Wind plötzlich durch die Reihen fährt, dann sitzt man mitten in der Welt des berühmtesten Vampirs aller Zeiten. Mit ihrem packenden Live-Hörspiel „Dracula“ bringt die Marburger Hörtheatrale ein ganz besonderes Gastspiel nach Friedrichshafen – ein Erlebnis, das Gruselfans, Klangliebhaber und neugierige Familien gleichermaßen begeistert.
Die Handlung folgt Bram Stokers Klassiker von 1897 – dem ersten großen Vampirroman, der unzählige Filme, Serien und Bühnenwerke inspirierte: Graf Dracula verlegt seinen Wohnsitz nach London, hungrig nach Blut. Dr. Seward, Professor van Helsing, Jonathan Harker und seine Frau Mina setzen alles daran, den Fürsten der Finsternis zu jagen und den Bann zu brechen. Doch was in einem normalen Theater schnell unfreiwillig komisch wirken könnte, entfaltet als Live-Hörspiel seine volle Wirkung: Das Publikum hört, fühlt und imaginiert.
Der musikalische Kopf des Abends, Stefan Kissel, hat jeder Figur ein eigenes Thema komponiert und eine Atmosphäre geschaffen, die Gänsehaut garantiert. Sounddesigner Ben Streibig hat aus hunderten Geräuschen – klirrenden Fenstern, klappernden Kutschen, heulendem Wind – eine akustische Welt gebaut, die über mehrere Lautsprecher rund um das Publikum liegt. So sitzt man nicht nur im Zuschauerraum, sondern mitten im Geschehen: in Transsilvanien, in Draculas Schloss, auf verregneten Straßen Londons.
Auf der Bühne stehen vier Schauspielerinnen und Schauspieler, die mit Stimmen, kleinen Gesten und ihrer Präsenz mühelos in dutzende Rollen schlüpfen. Die Kulisse? Minimalistisch – und genau deshalb so wirkungsvoll: ein eigens angefertigter stilisierter Friedhof, dramatisches Licht, dichter Nebel. Alles Weitere entsteht im Kopf der Zuschauer. Kinder staunen, wie viel die Fantasie auslösen kann; Erwachsene schwelgen in einer Kunstform, die zwischen Theater, Hörspiel und Kino schwebt.
Dass „Dracula“ trotz seiner düsteren Vorlage familienfreundlich funktioniert, liegt an dieser Mischung: Erschrecken ja – aber immer mit Augenzwinkern und ohne Albträume. Es ist ein spannender, atmosphärischer Abend, der zeigt, wie lebendig Literatur wird, wenn Klang, Worte und Vorstellungskraft zusammenspielen.
Wer also Lust hat, gemeinsam zu rätseln, zu erschauern und in eine andere Welt einzutauchen, sollte sich dieses Ereignis nicht entgehen lassen. „Dracula“ als Live-Hörspiel ist Kopfkino pur.
Johannes Maria Gerlitz ist Veranstaltungsleiter beim Kulturbüro Friedrichshafen.
Dracula nach Bram Stoker
Fr 16. Januar, Bahnhof Fischbach, 19.30 Uhr
Die Hörtheatrale Marburg
